Interview mit Talal Derki - Regisseur von OF FATHERS AND SONS



Talal Derkis Oscar-nominierter Film "OF FATHERS AND SONS - DIE KINDER DES KALIFATS" wurde auf
über hundert renomierten Filmfestivals gezeigt - unter Anderem letztes Jahr bei uns.
Nun kommt er in die deutschen Kinos. Im Interview beantwortet Talal Derki einige Fragen über seine Arbeit am Film
und sein Leben mit den Djihadisten.*

Warum haben Sie das Verhältnis eines Djihadisten zu seinen Söhnen zum Dreh-und Angelpunkt Ihres Films gemacht?

Ich bin selbst Vater eines sechsjährigen Sohnes. Und als ich meinen letzten Film „Rückkehr nach Homs“ gedreht habe, habe ich einen Vater kennengelernt, der seinem Sohn beibrachte, wie man mit Waffen umgeht und Menschen tötet. Ich war so schockiert, dass ich beschloss, einen eigenen Film darüber zu drehen.

Ihre Hauptfigur ist Abu Osama, ein Al-Quaida-Kämpfer aus der syrischen Provinz Idlib. Wie haben Sie ihn gefunden?

Viele Nachforschungen. Ich habe diese Region in Syrien durchsucht, weil dort das Zentrum für ISIS und al-Nusra etabliert wurde. Daher zogen all diese Dschihadisten aus der ganzen Welt dorthin. Sie alle vereinten sich an diesem Ort im Norden Syriens. So kam es, dass Al-Nusra-Leute, zu denen ich Zugang hatte, mit mir zu dem Vater gingen, und ihn gebeten haben Teil dieses Films zu sein.

Und Sie erzählten, dass Sie mit Al-Nusra sympathisierten?

So habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Sonst hätten sie mich niemals in ihre Kreise gelassen.

Wie groß war ihr Filmteam?

Im Dorf waren wir nur zu zweit. Der Andere war der Kameramann. Er sympathisierte wirklich mit ihnen, aber er ist gegen Gewalt. Er hat noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Als der [Djihad] erstarkte, wurde er noch religiöser. Jetzt spricht er nicht mit mir, da er herausgefunden hat, was für einen Film ich gemacht habe.

Was ist die Motivation für die Djihadisten?

Es gibt viele Aspekte, aber ich denke, dass die gefährlichste Ursache der Bildungsstand in der dritten Welt ist. Die Gewalt in Schulen und zu Hause – all das kann Menschen dazu verleiten, irgendwann eine Waffe in die Hand zu nehmen. Wir können nicht dafür sorgen, dass Menschen nicht glauben – Menschen brauchen den Glauben, weil er die Hoffnung darauf ist, was nach dem Tod passiert. Wir können Religion nicht auslöschen. Aber wir können die Gewalt von Religion und Gesellschaft trennen. Wenn du damit auswächst, dass es strikte Gesetze gegen Kindesmissbrauch und Gewalt gibt und alle Schuldigen vor Gericht kommen, auch wenn sie Eltern sind, dann kannst du dir sicher sein, dass Menschen langsam aufhören, Waffen zu tragen. Sie werden gegen Gewalt sein, weil sie so aufgewachsen sind.

Hat Al-Nusra jemals ihr Lügen enttarnt?

Nein. Niemals. Sogar nach dem Filmen, kontaktierte mich Abu Osama. Ich war auf dem Sundance 2017 und ich sagte ihm: „Kontaktiere mich bitte nicht mehr, weil der deutsche Geheimdienst mich wegen meines Aufenthalts in Syrien beobachtet. Ich muss alle eure Kontakte blockieren, bis es vorbei ist.“ Und er sagte: „Ja, ja, Abu Youssef“ – das war mein Spitzname – „sorge dich nicht. Schreib mir, ruf mich an, wenn du dich sicher fühlst.“ Ich habe ihn niemals angerufen. Jetzt habe ich gehört, dass er getötet wurde.

Abu Osama ist gestorben?

Ja, er starb beim Auseinandernehmen einer Autobombe. Es gibt ein Video. Jemand hat ihn genau in dem Moment mit seinem Handy gefilmt, wo die Bombe explodiert.

Ihr Film läuft auf unzähligen Festivals und wurde für den Oscar nominiert. Menschen auf der ganzen Welt erleben den liebenden Vater als Diktator und Killer. Haben Sie gar keine Gewissensbisse?

Nein, das Wort Schuld hat hier nichts zu suchen. Ich habe Abu Osama im Film ja nicht kritisiert. Er entlarvt sich selbst und den ganzen Wahnsinn dieser Ideologie.

Wie sah Ihr tägliches Leben mit Abu Osamas Familie aus?

Ich musste fünf Mal am Tag beten. Das war für einen nichtreligiösen Mann wie mich sehr hart, es hat mich psychologisch fast gebrochen. Aber genau das war mein Ziel: Diese Erfahrung zu machen, um zu verstehen, wie die Gehirnwäsche funktioniert.

Haben Sie trotz aller Differenzen persönliche Beziehungen aufgebaut?

Ich liebte die Kinder. Sie sind Opfer, sie haben keine Ahnung, wie die Welt außerhalb ihres begrenzten Umfelds aussieht. Ich konnte aber nicht eingreifen. Das hätte ihnen nichts genützt und mich in Gefahr gebracht. Ich musste akzeptieren, dass dies ihre Familie, ihre Gesellschaft, ihr Weg ist. Ihr Vater hat sie für ein Leben im Kalifat vorgesehen.

Warum sieht man in dem ganzen Film nicht eine einzige Frau?

Das ist der normale Alltag. So behandeln die Salafisten ihre Frauen. Die dürfen nicht mit Fremden sprechen oder vor der Kamera erscheinen. Ich hatte Abu Osama gebeten, ein Interview mit einer seiner beiden Frauen zu führen. Er hat das abgelehnt.

In Deutschland übernehmen die Frauen eine immer wichtigere Rolle in der salafistischen Szene.
Fürchten Sie nicht, dass Ihr Film sämtliche Vorurteile gegen Muslime befördert?

Wenn Sie einen Film über Nazis in Deutschland drehen würden, müssten Sie dann nicht auch Angst haben, dass der Film den Eindruck erweckt, alle Deutschen seien Nazis? In den Augen vieler Deutscher sind alle Syrer Flüchtlinge – und sie werden es auch noch in hundert Jahren sein. Das Problem in Europa ist, dass die Menschen gerne verallgemeinern. Aus solchen Vorurteilen entsteht Krieg.

Macht Sie das pessimistisch, wie es mit Ihrem Heimatland weitergehen wird?

Der Radikalismus nimmt zu und wird gefährlicher - gerade in diesem Moment. Und ich sehe keinen ausreichenden politischen Willen, diesen Krieg, und was in Syrien passiert, zu beenden.

Morgen zeigen wir den Film vor Kinostart und Talal Derki wird selbst zugegen sein. Nach dem Film findet ein Filmgespräch statt, bei dem Publikum und Regisseur ins Gespräch kommen können.

*Für den vorliegenden Text wurden Interviews von vulture, ZDF und moveablefest kombiniert.